von Hiltrud Cordes

In den letzten zehn Jahren habe ich bei der Entstehung von mehreren Dokumentarfilmen über Orang Utans in Kalimantan mitgewirkt; neben der thematischen Recherche hatte ich bei den Dreharbeiten Gelegenheit, Orang Utans zu beobachten. Immer wieder hört und liest man, dass Menschen, die einem Orang Utan in die Augen schauten, den Eindruck hatten, der Orang Utan blicke „wissend“ oder „klug“ oder auch „unergründlich“. Unwillkürlich stellt man sich die Frage, was wohl in seinem Kopf vor sich gehen mag.

Schon die Bezeichnung „Menschenaffe“ weist darauf hin, dass wir Menschen im Aussehen und Verhalten unserer nächsten Verwandten Ähnlichkeiten zu uns selbst erkennen. Auch der malaiische Ausdruck orang utan verweist auf die Menschenähnlichkeit – bedeutet er doch nichts anderes als „Waldmensch“. Doch inwieweit kann man aus diesen Ähnlichkeiten Rückschlüsse darauf ziehen, was ein Orang Utan denkt? Und was genau verleitet uns dazu, einem Tier das Prädikat „menschenähnlich“ zu geben? Vermutlich ist es, neben rein körperlichen Analogien, eine Kombination aus Intelligenz – also der Fähigkeit, Probleme zu lösen – und wiedererkennbaren bzw. vertraut scheinenden Verhaltensmustern und emotionalen Reaktionen.

Auch wenn die Frage, was ein Orang Utan denkt, letztlich unbeantwortet ist, so gibt es doch immerhin eine Reihe von aus Verhaltensbeobachtungen gewonnenen Erkenntnissen hierzu.

In drei Haupt-Situationen besteht Gelegenheit, Orang Utans zu beobachten: in nicht-artgerechter Gefangenschaft (in früheren Zoos und in Haustierhaltung), in artgerechter Gefangenschaft (in modernen Zoos und Auswilderungsstationen) sowie in freier Wildbahn. In dieser Reihenfolge kann man auch davon ausgehen, dass das Verhalten der Orang Utans entsprechend abgestuft vom Menschen beeinflusst ist, und für alle Situationen gibt es Beobachtungen und Studien, mit denen sich das kognitive und emotionale Verhalten von Orang Utans analysieren lässt.

Nicht-artgerechte Gefangenschaft

Die außerordentliche Fähigkeit des Orang Utans, sich an ein Leben in der Menschenwelt anzupassen, könnte der Art in naher Zukunft zum Verhängnis werden. Neben der Vernichtung seines verbliebenen Lebensraumes, den Tieflandregenwäldern der Inseln Borneo und Sumatra, ist der Verkauf in menschliche Gefangenschaft die Hauptursache für den rapiden Schwund der Population. Dort jedoch sind die Tiere für die Erhaltung ihrer Art so gut wie verloren: schon um an ein Orang-Utan-Baby heranzukommen, – denn nur Jungtiere sind für die Haustierhaltung gefragt – muss die Mutter getötet werden; weiterhin sterben viele Orang-Utan-Babys während des Transports, an den Folgen des traumatischen Mutterverlustes, an Fehlernährung und an Krankheiten, mit denen sie sich in der Menschenwelt infizieren. Dem Babyalter entwachsen, werden die groß und stark gewordenen Tiere zur Belastung und können von Glück reden, wenn ihre überdrüssigen Besitzer sie in einer Orang-Utan-Auffangstation abgeben und nicht in einen Käfig wegsperren, in dem sie den Rest ihrer Tage fristen müssen.

Seit dem Bekanntwerden von Orang Utans und anderen Menschenaffen in der westlichen Welt ist es immer wieder gelungen, einzelne Tiere einzufangen und nach Europa zu transportieren, wo sie – zumeist in viel zu kleinen Käfigen – zur Schau gestellt wurden. Waren sie gut dressiert und „wohlerzogen“, dann konnten sie wenigstens zeitweise den Käfig verlassen, um auf nähere Tuchfühlung mit dem Menschen zu gehen. Anscheinend ist der Mensch bestrebt, dressierten Tieren ihre Unterwerfung unter seinen Willen und den damit verbundenen Verlust ihrer Wildheit zu attestieren, indem er das Tier mit menschlichen Attributen ausstattet. Zirkusaffen, für Vorführungen ausstaffierte Tiere, Orang Utans in indonesischen Haushalten – gerne werden sie in Kinderkleidung gesteckt und auf menschliche Verhaltensweisen, wie das Essen mit Besteck, dressiert.

Auch Charles Darwin, der Begründer der Evolutionstheorie, hatte um die Mitte des 19. Jahrhunderts in London Gelegenheit, einen bekleideten weiblichen Orang Utan zu betrachten. Zufällig durchlebte das halbwüchsige Tier gerade einen Trotzanfall, weil ihm eine Leckerei versagt wurde, und Darwin bemerkte erstaunt die Ähnlichkeit mit dem entsprechenden Verhalten eines menschlichen Kleinkindes: wütendes Geschrei, Fußstampfen und das Trommeln mit den Fäusten auf den Boden begleiteten den Gefühlsausbruch des Orang Utans.

Das Konzept einer „artgerechten“ Tierhaltung ist noch jung. Solange es unbegrenzten Nachschub an wildgefangenen Zoo- und Haustieren gab, war es kein größeres Problem, wenn exotische Wild-Tiere in Gefangenschaft starben oder sich doch zumindest nicht vermehrten – allenfalls was es ein finanzieller Verlust. Erst seit der Begriff „artgerecht“ entstanden ist, macht man sich Gedanken darüber, ob es richtig ist, z.B. einen Orang Utan in Kinderkleidung zu stecken. In Indonesien, wo bis heute kaum ein Nachschub-Problem an Wildtieren herrscht, stehen die Menschen der Frage der artgerechten Haltung oft unbedarft gegenüber. Zwar wissen viele Menschen, dass Orang Utans unter Naturschutz stehen, aber häufig haben sie keine Vorstellung davon, was das bedeutet. Ein Mann, dessen Haustier-Orang-Utan beschlagnahmt werden sollte, mit dem Argument, das Tier sei gesetzlich geschützt, sagte: „Aber hier in dem schönen Käfig ist der Orang Utan doch geschützt! Wir geben ihm gut zu essen, und er bekommt sogar Milch. Er bekommt das selbe Essen wie unsere Kinder!“ Warum sollte für einen Orang Utan schlecht sein, was für die eigenen Kinder gut ist? Ohne auf eine Vorstellung von „artgerechter“ Tierhaltung anknüpfen zu können, ist diese Frage kaum zu beantworten.

So kann es leicht zu einer Art „Spirale der Vermenschlichung“ kommen: nach dem ersten Augenschein gibt es Ähnlichkeiten zwischen Mensch und Orang Utan; daher werden menschliche Empfindungen auf den Orang Utan projiziert und es wird angenommen, dass es das beste für den Orang Utan sei, ihn möglichst wie einen Menschen zu behandeln. Sei es unter Zwang und Strafen oder in Erwartung einer Belohnung – der Orang Utan tut, was man von ihm verlangt und wirkt nun erst recht menschenähnlich. Der erste Eindruck ist bestätigt: wenn der Mensch nur ein wenig nachhilft, kann man aus einem Menschenaffen einiges herausholen! Dass der Affe sich manchmal ein wenig ungeschickt anstellt oder etwa mit den Füßen anstatt mit den Händen seine Nudelsuppe isst, macht die Sache nur noch lustiger. Besucher im Zoo von Jakarta werfen zum Beispiel gerne angerauchte Zigaretten in das Orang Utan-Gehege, weil sie es lustig finden, wenn die Orang Utans herbeieilen und etwas unbeholfen die Zigaretten paffen.

„Vermenschlichung“ ist gleichbedeutend mit Aufgabe oder Verlust der Wildheit; hierfür ist die Kleidung ein wichtiges Symbol. Je menschenähnlicher sich ein Tier verhält, desto mehr scheint den menschlichen Betrachter dessen Nacktheit zu stören. Bisweilen wird sogar das Fell als zu tierisch empfunden: aus Malaysia wurde der Fall eine kinderlosen Ehepaares bekannt, das ein Orang-Utan-Baby als Haustier hielt. Die beiden waren ganz vernarrt in ihr Baby und hatten es am ganzen Körper rasiert.

Es besteht kein Zweifel daran, dass die Anpassung des Tieres an ein menschliches Vorbild ein Wunsch des Menschen ist, nicht des Orang Utans. Die Vermenschlichung ist ein Dressurakt, für dessen Befolgung der Orang Utan verschiedene Triebfedern hat: Angst vor Bestrafung, Hoffnung auf Belohnung sowie Langeweile gehören dazu. Ansonsten ist das überwiegend erzwungene Verhalten eine Sackgasse bei der Suche nach der Antwort auf die Frage, was der Orang Utan denkt.

Artgerechte Haltung in modernen Zoos und Auswilderungsstationen

Die Erfahrung hat gezeigt, dass intelligente Tiere in Gefangenschaft sehr unter Langeweile leiden, und ihre Bekämpfung wurde zu einem wichtigen Bestandteil der artgerechten Haltung. Unter der Bezeichnung „behavior enrichment“ denken sich Zoologen und Tierpfleger immer neue Spiele und Tricks aus, wie etwa das Futter in den Gehegen versteckt werden könnte, um die Zootiere bei Laune zu halten und vor Depressionen zu schützen.

Fehlt es an offiziellen Unterhaltungsprogrammen, so neigen Orang Utans dazu, sich selbst eine Beschäftigung zu suchen. Besonders groß ist ihr Interesse an der Funktionsweise von kleinteiligen Mechnismen.

Im Zoo von San Diego, Kalifornien, ist vor Jahren ein ausgewachsener männlicher Orang Utan namens Ken Allen für die Ausbrüche aus seinem Gehege stadtbekannt geworden. Er schaffte es wiederholt, auf verschiedenen Wegen aus seinem Gehege zu entwischen, etwa indem er Schrauben mit seinen Fingernägeln aufdrehte oder um Mauerecken griff und Mechanismen bediente, die er nicht sehen konnte. Wenn er wieder eingefangen wurde, folgte er den Pflegern ohne Widerstand zurück in sein Gehege. Es schien ihm weniger darum zu gehen, seine Freiheit wiederzuerlangen, als sich die Langeweile mit der Lösung von selbstgestellten Problemen zu vertreiben.

Ken Allen war bei der Bevölkerung von San Diego sehr beliebt, und die ganze Stadt trauerte, als er im Jahr 2000 an Krebs starb. Ohne Ken Allen seine Beliebtheit missgönnen zu wollen, beruhte sie doch auch wohl auf einer Projektion seiner Fans, die in seinem Verhalten positiv bewertete menschliche Eigenschaften wiederzuerkennen glaubten: Beharrlichkeit und einen unzerstörbaren Wunsch nach Freiheit.

Verhaltensforscher versuchen seit mehreren Jahrzehnten, systematisch das Denken von Menschenaffen zu ergründen. Zumeist werden entsprechende Testreihen in Zoos durchgeführt. Ein weltbekanntes Forschungszentrum für die kognitiven Fähigkeiten von Orang Utans befindet sich in den Vereinigten Staaten, im Zoo von Washington. Der sogenannte „Think Tank“ ist ein Bereich im Zoo, der für Orang Utans von ihrem Gehege aus über ein Seilsystem zu erreichen und für Besucher durch ein Glasfenster einsehbar ist. Der Besuch des „Think Tank“ ist freiwillig. Hier können die Orang Utans sich an verschiedenen Tests beteiligen oder einen Computer-Bildschirm mit Symbolfeldern bedienen. Das individuelle Interesse an diesem Angebot erwies sich dabei als sehr unterschiedlich: während einige Orang Utans fast nie den „Think Tank“ besuchen, gefällt es anderen hier offensichtlich so gut, dass sie häufig sogar über nacht bleiben.

Zu den Untersuchungen und ihren Ergebnissen, die in Einrichtungen dieser Art gewonnen wurden, zählen:

  • Selbsterkenntnis
    Als Meilenstein des Denkvermögens wird die Fähigkeit angesehen, über sich selbst reflektieren zu können. Eine Voraussetzung hierfür ist, dass man sein eigenes Spiegelbild als solches zu erkennen vermag. Ob ein Orang Utan sich selbst in einem Spiegel erkennt, ist relativ leicht festzustellen. Man kann ihm z.B. unbemerkt eine Farbmarkierung auf der Stirn anbringen und beobachten, wie er sich verhält, wenn man ihm anschließend einen Spiegel zur Verfügung stellt. Es zeigte sich, dass die Mehrzahl der Orang Utans den Spiegel nutzte, um den Farbfleck zu untersuchen oder wegzuwischen, während einige wenige auf ihr Spiegelbild reagierten wie auf ein anderes Indivuduum.

 

  • Einfühlungsvermögen
    Kann ein Orang Utan seine eigenen Erfahrungen nutzen, um zu verstehen, wie andere Individuen die Welt wahrnehmen? Kann er sich z.B. vorstellen, dass ein anderes Indivuduum nichts sehen kann, wenn es eine Augenbinde trägt? Menschliche Kinder erwerben diese simpel erscheinende Fähigkeit im Alter von drei oder vier Jahren. Hier stellte sich heraus, dass Orang Utans diese Fähigkeit besitzen. In einem anderen Test versuchte ein Tierpfleger im Blickfeld eines Orang Utans, an einen Gegenstand zu gelangen, der außerhalb seiner Reichweite platziert worden war. Dem Orang Utan standen Hilfsmittel wie lange Stöcke zur Verfügung, um dem Pfleger zu helfen. Kann der Orang Utan die Absicht des Pflegers erkennen? Mehrheitlich halfen die Test-Orang-Utans dem Tierpfleger, indem sie ihm einen Stock reichten.

 

Orang Utans in Freiheit

In ihrem Bemühen, die Denkweise von Orang Utans und anderen Menschenaffen zu verstehen, sind Wissenschaftler natürlich auch nicht frei von menschlichen Konzepten und Vorstellungen. Sie probieren Testverfahren an ihnen aus, mit denen die kognitiven Fähigkeiten von Menschen untersucht wurden, um den Grad der Ähnlichkeit zwischen Mensch und Menschenaffe herauszufinden. Doch wozu braucht der Orang Utan Spiegel und Computerbildschirme, wenn er im Dschungel überleben will? Vielleicht stellt er ganz andere Überlegungen an, wenn er auf der Suche nach Nahrung durch den Urwald streift und macht sich Gedanken, von denen wir Menschen keine Ahnung haben.

Obwohl Beobachtungen und Untersuchungen an Orang Utans in ihrem angestammten Lebensraum viel schwieriger durchzuführen sind als im Zoo, gibt es doch auch einige diesbezügliche Erkenntnisse. Ein Forscher etwa konnte beobachten, wie ein Orang Utan bei einem Streifzug zu einem Fruchtbaum kam, dessen Früchte noch nicht reif und daher noch ungenießbar waren. Der Orang Utan zog weiter und beschrieb auf seiner Wanderung während der nächsten zwei Wochen einen weiten Bogen. Eines Morgens änderte er plötzlich seine Wegrichtung und ging auf kürzester Strecke zu genau dem Baum zurück, den er 14 Tage zuvor besucht hatte. Just zu dieser Zeit waren die Früchte des Baumes ausgereift und schmackhaft.

So kann man annehmen, dass der Orang Utan nicht nur alle interessanten Nahrungsbäume in seinem Revier kennt und auch in Form einer inneren Landkarte ihre Position abrufen kann, sondern dass er auch über ein Konzept von Zeit verfügt. Er weiß, wie lange es dauert, bis bestimmte Früchte ausgereift sind und kann irgendwie die Zeit messen, bis es soweit ist.

Wir Menschen haben gelernt, unsere Gedanken in Form von Sprache auszudrücken – ein Mittel, über das der Orang Utan nicht verfügt. Könnte er sprechen, so wäre er in der Lage, uns seine Gedanken mitzuteilen. Der Mensch wiederum vermag sich nur schwer vorzustellen, wie Denken ohne Sprache vor sich gehen kann. Wenn man nun einerseits eine so offensichtliche Denkfähigkeit wie im Beispiel mit dem Fruchtbaum beobachtet und andererseits festgestellt hat, dass ein Orang Utan nicht spricht, kann man leicht auf eine Theorie verfallen, der manche Dayak-Völker Kalimantans anhängen: nach ihrer Meinung können die Orang Utans in Wirklichkeit sprechen, doch sie tun es nicht, damit die Menschen sie nicht zur Arbeit zwingen!

Und letztlich kann die jahrelange, intensive Beschäftigung mit Orang Utans auch dazu führen, dass für den Menschen nach der anfänglichen Verblüffung über die vielen Gemeinsamkeiten, allmählich die Unterschiede in den Vordergrund treten. So sagte ein altgedienter Tierpfleger in einer Auswilderungsstation in Kalimantan in einem Interview: „Nach all den Jahren, die ich mit Orang Utans arbeite, ist mir schließlich klar geworden, dass sie im Grunde doch wilde Tiere sind.“